Expressionismus
Einleitung
Expressionismus ist eine Bewegung oder Tendenz in der Kunst, die
sich eher bemüht, subjektive Gefühle und Emotionen auszudrücken
als die Wirklichkeit oder Natürlichkeit objektiv abzubilden. Die
Bewegung entwickelte sich während des späten 19. und frühen
20. Jahrhunderts, als eine Reaktion gegen die akademischen Standards,
die in Europa seit der Renaissance (1300-1600), besonders in französischen
und deutschen Kunstakademien vorgeherrscht hatten. Im Expressionismus versucht der Künstler, eine emotionale Erfahrung in seiner zwingendsten
Form zu präsentieren. Der Künstler beschäftigt sich nicht
mit der Wirklichkeit, wie sie erscheint, sondern mit seiner inneren Natur
und mit den durch das Thema geweckten Gefühle. Um dies zu erreichen,
wird das Thema oft karikiert, übertrieben, verzerrt, oder sonstwie
verändert, um die emotionale Erfahrung in seiner intensivsten und
konzentrierten Form zu betonen.
Expressionismus in der Malerei und Bildhauerei
Obwohl
der Ausdruck Expressionismus auf die Malerei bis 1911 nicht angewandt
wurde, werden die dem Expressionismus zugeschriebenen Merkmale in der
Kunst fast jedes Landes und Periode gefunden. Einige chinesische und japanische
Kunstwerke betonen die wesentlichen Qualitäten des Themas aber nicht
seines physischen Äußeren. Maler und Bildhauer des mittelalterlichen
Europas übertrieben ihre Arbeiten für romanische und frühgotischen
Kathedralen, um den spirituellen Ausdruck der Themen zu verstärken.
Intensive religiöse, durch die Verzerrung ausgedrückte Gefühle
werden auch in den Arbeiten des spanischen Malers El Greco im 16. Jahrhundert
und des deutschen Malers Matthias Grünewald gefunden. Im späten
19. und frühen 20. Jahrhundert verwendeten der holländische
Maler Vincent van Gogh, der französische Künstler Paul Gauguin,
und der norwegische Maler Edvard Munch kraftvolle Farben und übertrieben
Linien, um intensiven emotionalen Ausdruck zu erhalten.
Die
wichtigste expressionistische Gruppe war im 20. Jahrhundert die deutsche
Schule. Die Bewegung wurde von den Malern Ernst Ludwig Kirchner, Erich
Heckel, und Karl Schmidt-Rottluff hervorgebracht, der 1905 eine Gruppe
in Dresden genannt "Die Brücke" gründete. Ihr haben
sich 1906 Emil Nolde und Max Pechstein und 1910 Otto Müller angeschlossen.
1912 stellte diese Gruppe Bilder zusammen mit einer Münchener Gruppe
aus, die sich "Der Blaue Reiter" nannte. Die Letztere bestand
aus den deutschen Maler Franz
Marc, August
Macke, Gabriele Münter und Heinrich Campendonk, sowie aus dem
schweizer Künstler Paul Klee und dem russischen Maler Wassily Kandinsky.
Diese Phase des Expressionismus in Deutschland wurde durch die bewusste
Darstellung von Gefühlen und einen erhöhten Sinn für die
Möglichkeiten des ausdrucksvollen Inhalts gekennzeichnet. Die Brücke
wurde vor 1913 aufgelöst, und der Erste Weltkrieg (1914-1918) beendete
den grössten Teil der Gruppentätigkeit. Die Fauvisten in Frankreich,
sowie der französische Maler Georges Braque und der spanische Künstler
Pablo Picasso, waren in einer bestimmten Periode ihrer Entwicklung vom Expressionismus beeinflußt.
Eine
neue Phase des deutschen Expressionismus, genannt "Die Neue Sachlichkeit"
wuchs aus der Enttäuschung im Anschluss an den Ersten Weltkrieg.
Gegründet von Otto Dix und George Groß wurde sie durch satirischen
Bitterkeit und Zynismus charakterisiert. Expressionismus war inzwischen
eine internationale Bewegung geworden, und der Einfluss der Deutschen
wird in den Arbeiten der österreichischen Maler Oskar Kokoschka und Egon
Schiele, der französischen Künstler Georges Rouault, Jules
Pascin und Chaïm Soutine und des amerikanischen Malers Max Weber,
gesehen.
Abstrakter Expressionismus entwickelte sich in den Vereinigten Staaten
im Anschluss an das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Abstrakt expressionistische
Maler, wie Mark Rothko, Willem de Kooning, Franz Kline und Jackson Pollock,
versuchten grundlegende Gefühle durch lebhafte Farben, kühne
Formen, und spontane Methoden zu vermitteln, alles ohne erkennbare Themen.
Expressionistische
Bildhauerei hat ihre Wurzeln in der Arbeit des französischen Bildhauers
des 19. Jahrhunderts Auguste Rodin, der die inneren Zustände seiner
Themen innerhalb representativer Formen ausdrückte. Er beeinflusste
stark die Arbeit seines Assistenten Antoine Bourdelle, sowie des kroatischen
Bildhauers Ivan Metrovic, des britischen Bildhauers Jacob Epstein
und des Deutschen Ernst Barlach. Alle ihre Arbeiten, ausgedrückt
in der menschlichen Gestalt, schließen verschiedene Formen der Verzerrung,
Überspitztheit, Verlängerung und Massivierung ein.
Expressionismus in der Literatur, in Drama und Film
Die Ziele des Expressionismus in der Literatur, namentlich im Roman und
Drama, sind denjenigen in der Malerei ähnlich. Die Charaktere und
Szenen werden auf eine stilisierte, verdrehte Weise mit der Absicht präsentiert,
emotionalen Schock zu erzeugen. Der österreichische Maler Alfred
Kubin, ein Mitglied von "Der Blaue Reiter", schrieb einen der
frühsten expressionistischen Romane, "Die Andere Seite".
Er nahm einen tiefen Einfluss auf den österreichische Dichter Franz
Kafka und andere Schriftsteller. Die frühen expressionistischen Dramatiker,
Schwedens August Strindberg und Frank Wedekind aus Deutschland, nahmen
einen internationalen Einfluss auf die folgende Generation von Dramatikern,
einschließlich die Deutschen Georg Kaiser und Ernst Toller, der
tschechische Karel Capek, und die Amerikaner Eugene O'Neill und Elmer
Rice.
Das Expressionistisches Drama war charackterisiert durch eine neue Art
des Inszenierens, des Bühnenbilds und derRegie. Das Ziel war, ein
völlig vereinheitlichtes Bühnenbild zu schaffen, das den emotionalen
Einfluss der Produktion auf das Publikum vergrößern würde.
Prominenten Regisseure waren der Österreicher Max Reinhardt, der
Deutsche Erwin Piscator und der Russe Vsevolod Meyerhold. Filmarchitekten
wie Edward Henry Gordon Craig aus Großbritannien und Robert Edmond
Jones aus den Vereinigten Staaten verwendeten expressionistischen Malern
ähnliche Techniken, um den Dramen visuelle Stimulation zu verleihen.
Expressionistische Malerei und Drama beeinflussten auch das Kino, wie
in den deutschen Filmen "Das Kabinett von Dr Caligari" (1919),
mit seinen albtraumhaften Perspektiven und maskenartigem Make-Up und in
"Das Letzte Lachen" (1924), bemerkenswert für hervorragenden
Gebrauch der Beleuchtung und Kamera-Aufnahmewinkel, gesehen werden kann.
Expressionismus in der Musik
Der Expressionismus in der Musik, die zwischen den zwei Weltkriegen ihre
höchste Popularität hatte, gab den Ängsten, dem inneren
Terror und dem Zynismus des menschlichen Lebens im 20. Jahrhundert durch
emotional intensiv, musikalisch komplex und sorgfältig strukturierte
Arbeiten eine Stimme. Herkömmliche Techniken wurden verzerrt und
"hübsche" Harmonien wurden durch dissonante, komplizierte,
mit großer Kraft ersetzt. Die Musik ist häufig atonal, oder
verzerrt die traditionelle Klangfarbe. Polyphonie (das Verweben von melodischen
Linien) ist häufig dicht und die Melodie im traditionellen Sinn ist
häufig nicht wiederzuerkennen.
Die Wurzeln des Expressionismus können in den Arbeiten romantischer
Komponisten wie Richard Wagner und in den Kompositionen von Spätromantikern,
wie des österreichischen Komponisten Gustav Mahler, gesehen werden.
Beispiele schließen zwei frühe Opern des deutschen Komponisten
Richard Strauss, Elektra (1909) und Salome (1905) ein; bestimmte Arbeiten
des österreichischen Komponisten Arnold Schoenberg, die dramatischen
Szenen "Erwartung" (1909) und "Die Glückliche Hand"
(1913), und der Liederzyklus "Pierrot Lunaire" (1912) und die
Opern des österreichischen Komponisten Alban Berg "Wozzeck"
(1925) und "Lulu" (1935; erste vollständige Vorstellung
1979). Andere Komponisten mit expressionistischen Elementen schließen
Paul Hindemith, Deutschland, Béla Bartók, Ungarns und Sergey
Prokofiev, Russland, ein.
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